Indien 6

Nach nun mehr als 10 Monaten bin ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt und die Unterschiede zwischen den Kulturen/Ländern sind aktuell noch sehr deutlich spürbar für mich. Alles ist noch sehr frisch. Die Ordnung, die Ruhe, die Sauberkeit, das angenehme sommerliche Wetter, alles Kulinarische und natürlich alle Begegnungen mit meinen Liebsten hier tuen nach dieser langen Zeit in einer völlig fremdartigen Kultur sehr gut. An vieles eigentlich Vertraute muss ich mich wirklich erst wieder ein wenig gewöhnen.

Wie ich ja bereits geschrieben habe, sind einige Auswirkungen meines Auslandsaufenthaltes aktuell noch gar nicht abzusehen und werden sich höchst wahrscheinlich erst längerfristig im Nachhinein zeigen. Schon jetzt kann ich aber sagen, dass es eine bereichernde, wertvolle und prägende Erfahrung ist für eine längere Zeit in einem Land wie Indien zu leben. Wer sehr offen nach Indien kommt kann leicht eine andere Perspektive auf viele Dinge erhalten, wichtige Erkenntnisse erlangen und persönlich wachsen. Meiner Einschätzung nach bin ich ausgeglichener, genügsamer, gelassener, dankbarer und zufriedener geworden. Ich habe auch bei anderen erlebt, dass diese Effekte immer stärker werden je länger man sich in Indien aufhält und je mehr man sich auf die Gegebenheiten einlassen kann. Die Zeit war allerdings, wie man aus meinen Einträgen vermutlich unschwer herauslesen konnte, aus vielen Gründen anstrengend und ich bin schon froh wieder in meiner Heimat zu sein.

In den letzten 3 Wochen nach meinen Prüfungen haben mich meine Eltern und mein Bruder besucht und ich konnte ihnen mit ihnen gemeinsam das Land erkunden, in dem ich jetzt fast ein Jahr leben durfte. Ich möchte diesen Abschnitt meines Lebens hier nun auf dem Blog mit den bildlichen Highlights dieser Reise abschließen:

Orte: Varkala – Delhi – Agra – Varanasi – Darjeeling.

 

Indien 5

Es geht nun rasch auf die finale Prüfungszeit und die heißeste Zeit (45 Grad!) zu und deswegen habe ich aktuell keinen Kopf einen langen Blogeintrag zu schreiben. Aber zumindest die nächste “Dosis” Reisebilder möchte ich gerne abliefern.

Vielleicht kann ich kurz noch erwähnen, dass ich mich mittlerweise auf fast alles hier habe einstellen können. Es gibt aber nach wie vor gewisse Grenzen. Vor allem wenn es um die eigene Gesundheit oder Sicherheit geht, kann ich leider nur wenig Verständnis aufbringen. Wegen der vielen Moskitos (und den verursachten Krankheiten) wird manchmal Insektizid in den Gebäuden und auch großflächig auf dem ganzen Campus vernebelt. Beim letzten Mal hatte ich mich schon gefreut, dass es, nicht wie sonst, eine Ankündigung über die jeweiligen Zeiten und Orte gab. Natürlich wurde dieser Zeitplan nicht eingehalten und deshalb musste ich dann einen Tag später als angekündigt Abends aus dem Wohnheim flüchten um dem Insektizid zu entgehen. Ein anderer verrückter Punkt ist die Tatsache, dass alle Notausgänge hier zugekettet sind. Das bedeutet, dass im Falle eines Feuers o.ä. 500 Personen das Wohnheim durch eine einzige mit Fingerabdrucksensor! elektronisch verschlossenen Tür verlassen müssen. Herrlich!

Nun zum wesentlichen Teil:
Die folgenden Bilder sind entstanden in Jaipur – Amritsar – Bikaner – Jaisalmer.

 

Indien 4

Seit ich von meiner Reise zurückgekehrt bin, fühle ich mich erfreulicherweise (hier) sehr wohl. Vermutlich spielen das bisher noch milde “winterliche” Klima (<35 Grad!), die Gewöhnung an die hiesige Arbeitsweise in der Uni oder auch der gebuchte Rückflüg eine wichtige Rolle. Es ist ein sehr verrücktes und schönes Gefühl sich in einem solch fremdartigen Land eben nicht mehr völlig fremd, sondern ein wenig heimisch zu fühlen, zu wissen wo es welche guten Gerichte gibt, nicht auf übertriebene Angebote einzugehen, weil man die tatsächlichen Preise kennt oder sich einfach generell auszukennen.

In diesem Blogeintrag möchte ich mich einigen fundamentalen Unterschieden widmen, die mir bisher aufgefallen sind und für deren Aufarbeitung ich nun endlich Zeit und Muße gefunden habe.

Beginnen möchte ich mit etwas Wunderbarem, das einem vermutlich verschlossen bleibt geht man nicht gerade geziehlt auf dessen Suche: Indische Kultur und Tradition.
Als außenstehender Westler hat man üblicherweise keine Vorstellung von der Einzigartigkeit, der Andersartigkeit und der Reichhaltigkeit indischer Kultur, die sich über Jahrtausende entwickeln konnte (nein, ich übetreibe nicht!). Ich möchte hierbei noch anmerken, dass, wie im letzten Eintrag bereits geschildert, auch hier die regionalen Unterschiede immens sind. Da man indischen Tanz und indische Musik oft nur mit Bollywood verbindet, möchte ich hier auf ein Video verlinken, das gleich viele indische Aspekte veranschaulicht: Schönheit, Kleidung, Tanz, Rythmik und Harmonik.

Ich bin letztens auf diesem Blog http://lassrollen.tumblr.com/ auf einen, wie ich finde, sehr gut getroffenen Absatz gestoßen, der einfängt welch fundamentale Unterschiede es zwischen den Kulturen gibt, die einem oftmals unzugänglich bleiben wenn man sich nie aus seinem eigenen Kulturkreis herausbegibt. Ich möchte ihn hier deshalb zitieren:

“Ein deutsches Phänomen ist die Ruhe. Die meisten Deutschen scheinen recht leise zu sein, vor allem im privaten Raum. Diese Ruhe verlangen sie aber auch im öffentlichen Raum. Wer sich zu laut unterhält im Zug bekommt böse Blicke oder klare Ansagen, Wenn Kinder im Bus toben und einfach Kinder sind muss die Mutter auf gesellschaftlichen Druck hin was unternehmen. Wir sind da gar nicht tolerant und die Schmerzgrenze ist sehr schnell überschritten. Solche Ansprüche sind unvorstellbar in Asien. Jeder darf fast alles im öffentlichen Raum und toleriert ein vielfaches mehr vom anderen als wir. Zug und Bus fahren in Deutschland empfinde ich bedrückender als früher. Mir fehlt das Leben in diesen Transportmitteln. Alle benehmen sich so sehr und viele tragen diesen angewiedert-abgeklärten Großstadtblick.”

Ohne etwas anderes zu kennen ist man oft blind für diese grundlegenden kulturellen Unterschiede. Was man für wichtiger und besser hält kann oft erst bewerten und entscheiden wer länger außerhalb lebt und die Alternativen erlebt hat. Das ist eine für mich unbezahlbare Bereicherung des Reisens.

Ein weiterer Punkt der einem hier zwangsläufig auffallen wird ist, dass überall enorm viele Angestellte arbeiten. In besseren Restaurants ist es zum Beispiel gerade als Westler nicht unüblich einen eigenen Kellner zu haben und in einem mittel großen Cafe, in dem in Deutschland 2 Leute arbeiten würden, wird die gleiche Arbeit von mindestens 7 Indern verrichtet. Auch das hier auf dem Campus beschäftigte zahlreiche Sicherheitspersonal vermittelt eher einen trügerischen Eindruck von Sicherheit. Hin und wieder muss man sich zwar, zum Beispiel bei einer Rückkehr auf den Campus zur späten Stunde, in eine Liste eintragen, aber der Zweck einer solchen Liste ist wohl eher verfehlt wenn auch der Name “Donald Duck” akzeptiert wird. Auch wenn man eine Aufforderung ignoriert und einfach weiterläuft hat dies meist keine Konsequenzen. Oft ist das Personal ohnehin mit Handyspielen und Videotelefonaten abgelenkt. Viele Arbeiten hier wirken deshalb auch eher wie eine Beschäftigungstherapie, aber das hängt natürlich alles mit der immensen Bevölkerungszahl zusammen, weswegen die Löhne sehr gering sind und man einfach viele Leute einstellen kann. Dass der Wettbewerb hingegen untereinander nicht größer und somit der Druck produktiv zu sein nicht höher ist, hängt vermutlich mit der allgemeinen Mentalität zusammen. Das alles ist aber selbst verständlich sehr komplex und beeinflusst sich gegenseitig.

Die akademische Arbeitsmentalität an der Universität hier widerum ist eine ganz andere:

Das Indian Institute of Technology Madras (IITM) gehört zu den 5 ältesten IITs, den führenden Technischen Universitäten in Indien. Jährlich bewerben sich ungefähr acht Millionen Inder auf die fünf Tausend freien Stellen dieser fünf Institutionen, um mit einem dortigen Abschluss gute Chancen auf dem indischen oder eventuell sogar internationalen Arbeitsmarkt zu erhalten. Bei dieser großen Konkurrenz und den weitreichenden Folgen eines Erfolges, ist es gut verständlich, dass viele Bewerber einen erheblichen Aufwand betreiben um sich auf die Eingangstests vorzubereiten, die zu den Schwersten der Welt zählen. Die Testergebnisse bestimmen zusammen mit der eigenen Abstammung über die Zulassungsberechtigung für die unterschiedlichen Studiengänge. Für ein Informatikstudium werden nur die besten Bewerber zugelassen, da die Nachfrage wegen der späteren Gehaltsaussichten am höchsten ist. Führt man sich vor Augen, dass zusätzlich für indische Verhältnisse hohe Studiengebühren anfallen, ist ersichtlich welch grundlegend unterschiedliche Situation gerade in der Informatik herrscht, in der eine große Anzahl an Studenten in Deutschland ihr Studium bereits nach dem ersten Semester abbrechen.
Während ich mit zwei arbeitsintensiven Kursen hier schon relativ gut bedient bin (ein wenig reisen und Blog schreiben möchte ich ja auch noch), haben die indischen Studenten in meinem Fachbereich mit regulär sechs derartigen Kursen pro Semester quasi keine Freizeit und arbeiten auch durchgängig am Wochenende. Zusätzlich zu den akademischen Faktoren lastet auch erheblicher gesellschaftlicher Druck auf den Studenten, was die hohen Selbstmordraten an diesen Institutionen erklärt. Trotz alle dem haben die Professoren einen sehr hohen Qualitätsanspruch. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass ein Professor den Raum verlassen hat, weil ein Student eine aus Zeitgründen mangelhaft vorbereitete Präsentation gehalten hat.

Nach Meinung anderer internationaler Studenten und dem erhaltenen Eindruck von besuchten anderen Vorlesungen ist das Niveau, sowohl in Bezug auf die Güte der Vorlesungen als auch deren Arbeitsaufwand und Schwierigkeit, allerdings selbst an dieser “Eliteuniversität” sehr schwankend. Andere Studenten hatten zum Beispiel mit 4 Wirtschaftskursen trotzdem noch genug Zeit, um fast jedes Wochenende zu reisen. Teilweise verhindert der starke Akzent der Lehrbeauftragten komplett das Verständnis.

In Bezug auf das durch den britischen Einfluss vergleichsweise verschulte Studiensystem ergeben sich beispielsweise durch mangelhafte Organisation einige erhebliche Unterschiede:

  • Das relative Benotungssystem in Verbindung mit der sehr hohen Motivation der Studenten erschwert das Erzielen von erstklassigen Noten. Manche Professoren verleihen nur einem einzigen Studenten pro Kurs die beste Note “S”. Ich war zwar in der Lage überdurchschnittliche Noten zu erzielen, aber nur weil meine Kommilitonen erheblich mehr Kurse belegt haben.
  • Es herrscht grundsätzlich Anwesenheitspflicht, die auch von den meisten Professoren ernst genommen wird. Zum Bestehen eines Kurses muss die Anwesenheit mehr als 85% betragen.
  • Zusätzlich zu Zwischenprüfungen sind benotete Präsentationen, Projektarbeiten oder Hausarbeiten (z.B. Programmieraufgaben) immer direkter Bestandteil eines Moduls und tragen erheblich zu einem erhöhten Arbeitsaufwand bei. Die zu bearbeitenden Aufgaben sind teils stupide und nicht immer sinnvoll. Die eigentliche Endprüfung der Kurse ist entsprechend geringer gewichtet.
  • Statt Wissen durch das angeleitete Bearbeiten von Übungsaufgaben in Tutorien vorerst zu festigen, wird Wissen sofort durch benotete Kurztests oder oben genannte Hausarbeiten abgefragt. Dies führt dazu, dass man sich zwar gezwungenermaßen sofort mit den Inhalten auseinandersetzt, aber bei Verständnisproblemen nur ein Feedback in Form eine Note bekommt. Musterlösungen oder eine Korrektureinsicht gibt es nicht immer.
  • Arbeitsaufträge werden teilweise sehr spontan und unangekündigt erteilt, was zusammen mit plötzlichen Umentscheidungen zu einem Eindruck von schlechter Organisation und Stress führt. Selbstbestimmtes Arbeiten ist hierdurch teilweise unmöglich.
  • Auch der generelle Arbeitsumfang mit entsprechender Gewichtung der Noten eines Moduls wird unter Umständen nicht vollständig bekanntgegeben bzw. ändert sich im Laufe des Semesters.
  • Hohe Erwartungshaltung an Studenten: Arbeit an kurzfristig bekanntgegebenen Aufgabenstellungen und an Wochenenden ist selbstverständlich. Auch offizielle Termine sind eventuell an Wochenenden.

Eine mit der Arbeitsmentalität eng zusammenhängende und für mich besonders ungewohnte und auch unschöne Tatsache ist, dass man hier teilweise eiskalt angelogen wird. Fragt man zum Beispiel im Büro der Wohnheimsverwaltung nach freien Zimmern, um in einen höheren Stock zu ziehen (dort geht stärkerer Wind), kann es einem gut passieren weggeschickt zu werden, weil angeblich keine Zimmer frei sind. Kommt man nach ein paar Tagen wieder und besteht auf eine Auskunft (Behauptung man wisse von freien Zimmern), sind dann natürlich plötzlich Zimmer frei geworden. Trotzdem wird man aufgefordert ein andermal wiederzukommen, obwohl die Bediensteten eigentlich nicht wirklich beschäftigt sind. Man muss also in Indien leider damit rechnen z.B. selbst von offiziellen Beamten teilweise nicht unerhebliche Fehlinformationen zu erhalten. Einer gewissen Willkür ist man in Indien ständig ausgesetzt und man muss lernen damit umzugehen.

Das ist eines der vielen Beispiele dafür, warum man hier offen sein muss oder nach einer bestimmten Zeit einfach gezwungenermaßen offen wird. Offen sein in diesem Kontext heißt in gewisser weise passiv zu werden, nicht alles zu hinterfragen und verstehen zu wollen (vom Ändern mal ganz abgesehen). Hat man einmal gelernt in diesem Sinne loszulassen, erlangt man eine wunderbare Gelassenheit und Ausgeglichenheit. Gerade dann kann man in Indien so viele wunderbare Dinge wahrnehmen, für die man nicht empfänglich wäre, wenn man all das Negative zu nahe an sich heranlässt. In Indien wird diese Gelassenheit teilweise im Extrem gelebt und das ist auch oft der Grund dafür warum man ohne Gelassenheit hier selbst nicht weit kommt. Das andere Extrem ist, wie in so vielem, die deutsche Herangehensweise/ Mentalität. Für mich liegt die Herausforderung darin eine richtige Balance aus indischer Gelassenheit und deutscher Verbohrtheit zu finden. Extreme Gelassenheit führt zu Gleichgültigkeit und extreme Verbohrtheit ist offenkundig auch nicht der beste Weg, aber mit einer gewissen Grundgelassenheit ist es in meinen Augen viel leichter zufrieden zu sein. Ausgehend davon kann man dann effektiver in welcher Weise auch immer aktiv werden. Langfristig denke ich ist das effektiver als zu perfektionistisch zu sein. Beide Kulturen können viel voneinander lernen. Das macht das Reisen für mich so spannend, deutlich mehr noch als bloßes Sightseeing.

Ich verbleibe mit weiteren Bildern von meiner Reise (Region Rajasthan: Udaipur, Kumbhalgarh, Ranakpur, Jodhpur, Pushkar). Auf bald.

(Ein Klick auf ein Bild zeigt dieses in Originalgröße)

Indien 3

In wenigen Tagen bin ich bereits 6 volle Monate in diesem verrückten Land. Gleich vorab entschuldige ich mich dafür so lange nichts von mir gehört haben zu lassen. Während der letzten Wochen des Semesters war ich sehr beschäftigt und nach der letzten Prüfung bin ich dann noch am gleichen Tag auf meine 6 wöchige Reise aufgebrochen. Nachdem ich die Ferienzeit komplett genutzt habe, bin ich seit kurzem wieder auf dem Campus und sortiere mich und meine Besitztümer bevor das neue Semester beginnt. Hinter mir liegen also gerade einige Wochen voller Begegnungen, unzähligen zurückgelegten Kilometer und noch mehr Eindrücken.

Trotz anfänglicher Zweifel habe ich mich entschlossen nach einigen Abschieden (fast keiner der internationalen Studenten bleibt wie ich 2 Semester) alleine zu reisen. Ich hatte gedacht alleine in Indien unterwegs zu sein wäre zu gefährlich und ich wäre im Fall einer Krankheit hilflos. Während der Reise haben sich meine Befürchtungen als unbegründet erwiesen. Vor allem weil man, wenn man offen ist und in Hostels (vorzugsweise in Schlafsälen) übernachtet, fast nie wirklich alleine ist. Selbst wenn ich einmal alleine Nachts in einer neuen Stadt angekommen bin, habe ich mich sicher gefühlt. Natürlich passieren in diesem riesigen Land täglich schreckliche Dinge (in mancher Hinsicht befindet sich Indien noch im Mittelalter, s. Hexenverbrennungen, Rolle der Frau, Kastensystem, Zwangsheirat), aber ich persönlich habe in meiner Zeit hier Indien als ein sehr sicheres Land kennengelernt. Es mag an den traditionellen Konzepten von Karma und Dharma liegen (s. Google) weswegen ich die Menschen hier als größtenteils ehrlich erlebt habe. In gewissen Berufsgruppen (Riksha-Fahrer) und an sehr touristischen Orten gibt es natürlich wie überall Ausnahmen! Hach, konkrete Aussagen über Indien zu treffen ist wirklich nahezu unmöglich!

Es war schön diese einzigartige Freiheit auskosten zu können. An einem Tag nicht zu wissen wo man morgen schlafen wird, ist bestimmt für so manchen eher verunsichernd, aber mittlerweile schätze ich diese Ungewissheit als Luxus. Mit so vielen Verpflichtungen und Verantwortung im Alltag finde ich es schön mich spontan treiben zu lassen. Gerade in Indien ist es in meinen Augen besser seine Reise nicht vollends durchzuplanen, weil man sich zum Beispiel an einem Tag vielleicht nicht in der Lage fühlt eine 12 stündige Busfahrt oder ähnliches auf sich zu nehmen. Und nur aus den Beschreibungen der Reiseführer ist es mir zumindest nicht möglich abzuschätzen wie lange ich genau an einem Ort bleiben will. Mir ist es nicht so wichtig die typischen Touristenattraktionen alle abzuhaken. Lieber bleibe ich ein wenig länger an einem Ort und sauge etwas der Stimmung dort auf. Ich mag es in eine kleine Art von Reisealltag zu geraten und zum Beispiel zu wissen wo es welche guten Dinge zu essen gibt. Besonders aber bei Begegnungen mit anderen Reisenden kann man sich natürlich viel freier entscheiden, wenn man keinen Plan für den morgigen Tag gemacht hat.

Meine Reiseroute: Chennai – Goa: Panjim, Palolem, Agonda – Gokharna – Mumbai – Udaipur – Jodhpur – Pushkar – Jaipur – Amritsar – Bikaner – Jaisalmer – Goa: Anjuna – Hampi – Chennai

Je mehr Zeit ich hier in Indien verbringe desto schwerer fällt es mir über dieses Land und meine Erfahrungen hier generell zu schreiben. Nachdem ich die Zeit während des ersten Semesters ausschließlich im extremen Süden Indiens verbracht habe, konnte ich mich in den Ferien in den Norden vorarbeiten. Obwohl ich bisher nur einen Bruchteil der Gegenden erkundet habe, hat sich mein Verdacht auf der Reise bestätigt und sogar noch verstärkt: Indien ist unglaublich vielseitig! Das macht es so schwer für mich diesem Land mit Worten gerecht zu werden. Vor meinem Aufenthalt hier hatte ich, trotz eingehender Vorbereitungen, nicht den Hauch einer Ahnung wie divers dieses Land tatsächlich ist. Man sollte Indien wirklich mehr mit Europa, also einem Kontinent, vergleichen. Das “eine Indien” gibt es nicht wirklich.

Es fängt schon mit den unzähligen Sprachen an. Auf dem Campus wohnen durch das zentrale Studienplatzvergabesystem (es lebe die deutsche Sprache!) Inder aus allen Teilen des Landes. Schnell merkt man dass neben der lokalen Sprache “Tamil” noch weitere unterschiedliche Sprachen unter den Studenten aber zur Verständigung zwischen den verschiedenen Gruppen eben auch Hindi bzw. Englisch gesprochen werden. Gerade hier in Tamil Nadu sprechen viele Einheimische weder Hindi noch Englisch. Das bedeutet das ALLE Inder (außer eben die aus Tamil Nadu) nicht besser mit ihren eigenen Landsleuten kommunizieren können als ich! Gut, es gibt wohl noch ein paar andere südindische Sprachen die eine gewisse Ähnlichkeit mit Tamil besitzen. Recht schnell wird einem hier auch auffallen, dass das Aussehen der Inder je nach Herkunft extrem unterschiedlich sein kann. Gerade im Dunkeln kann ich manchmal erst auf kurze Distanz ausmachen, ob es sich um einen Nordinder oder z.B. einen Südeuropäer handelt (und nein, das liegt nicht an meiner Kurzsichtigkeit!). In Punjab (Nordwesten nahe Pakistan) sind viele Männer so groß wie ich und die Hautfarbe ist durch den persisch/arabischen Einfluss ziemlich hell. Im Nordosten sieht man wiederum eindeutig den typisch asiatischen Einfluss, während hier im Süden die Menschen deutlich kleiner und sehr dunkelhäutig sind.

Und das setzt sich bei vielen weiteren Dingen fort: Essen, Natur, Klima, Schriftarten, Tanzformen, Mentalität, Architektur, Mode… Indien ist für mich das Land der Extreme. Es gibt hier wirklich alles. Bittere Armut u. Superreiche. Wüsten und Regenwald. Hightech und Spiritualität. Indien ist in vielerlei Hinsicht so reich und arm zugleich.

Es würde mehrere Jahre dauern um ganz Indien mit alle diesen Facetten zu erkunden. Ganz extrem habe ich dies bei meinen ersten Stop auf der Reise im Bundesstaat “Goa” erlebt. Nach 2h Flug stieg ich quasi in einer völlig anderen Welt aus. Goa ist eine ehemals portugiesische Kolonie und besitzt immer noch sehr deutliche europäische Einflüsse. Die Mehrheit der Bevölkerung ist christlich, die Architektur sehr europäisch, Alkohol ist günstig, die einheimischen Frauen kleiden sich teilweise in Röcke! Nach 5 Monaten habe ich hier auch endlich wieder einmal Schweinefleisch (Wurst!) gegessen. Der Geschmack war herrlich. Danke Portugal!

Langweilig müsste einem daher also hier eigentlich nie werden, allerdings muss ich gestehen nach einer gewissen Zeit dem Reisen und Leben hier müde zu werden. Leider gibt es nämlich doch auch einige Gemeinsamkeiten in ganz Indien: Umweltverschmutzung, Armut und Lärm. Alles in allem ist es zwar sehr abenteuerlich und spannend hier zu reisen, aber eben auch extrem anstrengend. Wenn man zum Beispiel mal ein paar Tage am Strand liegt, merkt man erst unter welchem Stress sein Gehirn im indischen Alltag konstant steht. Um die Flut von Informationen und Eindrücken zu verarbeiten, begibt man sich in eine Art Tunnel. Man stumpft ab für alles Unwesentliche. Beim Bilder Aussortieren habe ich mir die Videos in Ruhe angesehen und musste beispielsweise feststellen wie laut das Hupen der Fahrzeuge an den Orten war, wie viel Leuchtreklame an den Läden hängt und wie dicht die Motorräder und Autos an mir vorbeifahren. In diesen Momenten habe ich das alles nicht wahrgenommen. Ich lade das Video das ich meine mal hier hoch. Videos sind für solche Situationen wie ich meine deutlich eindrucksvoller und vielsagender als ein einzelnes Bild.

Zum Abspielen hier klicken.

Sicher werde ich nach diesem Auslandsaufenthalt noch eine lange Zeit zu benötigen um das Alles zu verarbeiten. Vielleicht bedarf es für so mache Einsicht auch wieder den deutschen Kontrast, da ich für manche Dinge hier wiederum schon blind geworden bin.

Morgen fängt dann das 2. Semester mit den zwei Vorlesungen für die ich eigentlich hier hergekommen bin (Reinforcement und Deep Learning) für mich an. Leider befürchte ich, dass auch dieses Semester wieder von viel stupider Arbeit geprägt sein wird. Ich hoffe aber wenigstens in den ersten Wochen noch ein wenig Freizeit zu haben, um manche meiner vielen notierten Gedanken in kurze Blogeinträge zu verarbeiten. Das kostet mich zwar oft Überwindung, doch am Ende ist es auch gewinnbringend für mich das Alles einmal auszuformulieren.

(Habe nur die Bilder bis Mumbai hochgeladen.)

 

Indien 2

Jetzt bin ich mittlerweile schon zwei Monate in Indien und der Uni-Alltag ist eingekehrt.
Es ist wirklich verrückt wie schnell man sich selbst an von deutschen Verhältnissen so extrem unterschiedlichen Zustände gewöhnt. Um hier einem Alltag nachgehen zu können, muss man viele Dinge einfach akzeptieren. Man stumpft ganz automatisch ab. Alles andere wäre auch sehr anstrengend, denn man müsste ständig so viele grundlegende Dinge hinterfragen und die vielen Eindrücke würden einen wahrscheinlich total überfordern.

Es fällt mir deshalb gerade auch überhaupt nicht leicht “neutral” über meine Eindrücke und Erlebnisse zu berichten. Ich muss mich schon jetzt aktiv sensibilisieren für die spannenden Unterschiede, die es zweifelsohne wie Sand am Meer gibt. Es gibt so viel von Dingen zu erzählen, die für mich schon zur Normalität geworden sind.

Obwohl viele internationale Studenten weniger gut vorbereitet bzw. sind nicht so bewusst für Indien entschieden haben, wie ich das erwartet hätte, konnten sich meinem Eindruck nach doch alle auf die Gegebenheiten hier einlassen. Ich muss sogar zugeben, dass viele schon mehr indische Verhaltensweisen übernommen haben als ich. Wie viele Asiaten essen auch Inder grundsätzlich mit den Händen (streng genommen nur mit der rechten Hand, da man die Linke zusammen mit Wasser auf der Toilette benutzt). Mit Fingern essen ist aber wirklich nicht mein Fall. Mit indischem Brot eine Art Löffel zu formen um die würzigen Saucen zu essen finde ich noch erträglich, aber gerade bei den vielen in Südindien typischen Reisgerichten ist das ganze haptisch für mich nicht vertretbar. Ich halte das bei der hier ohnehin schon rudimentären Hygienesituation auch für unklug, gerade da das Leitungswasser von minderer Qualität ist und es zusätzlich auf den wenigsten Toiletten Seife gibt.

Klopapier und Seife habe ich deshalb auch immer mit meiner Grundausstattung aus Mückenschutz, Sonnenschutz, Tiger Balsam und Trinkwasser dabei. Am Anfang habe ich sogar immer noch einen Göffel (Gabel und Löffel in einem) mitgenommen, aber auf Nachfrage gibt es in allen “Restaurants” Löffel, die auch wenigstens nicht viel dreckiger sind als das Geschirr. Wenn man besonders Glück hat, gibt es sogar eine Vorrichtung in der das Besteck in ständig kochendem Wasser sterilisiert wird. Bei hier nicht ganz unüblichen Defekten oder schlichtweg falscher Benutzung kann diese Vorrichtung allerdings auch dazu führen, dass das Besteck dann bei 35 Grad im Schatten durchgehend im lauwarmen Wasser steht. Wie oft dieses Wasser gewechselt wird, ist darüber hinaus nicht gewiss. Die ist nur eines der vielen Beispiele die ich jetzt bringen könnte. Vielleicht kann man das volle Ausmaß der Hygienesituation auf manchen Bildern etwas erahnen. Aufnahmen von den heikelsten Orten zu machen ist meistens leider recht schwer, da die Lichtverhältnisse nicht gut sind oder ich schlichtweg beobachtet werde und nicht den Eindruck erwecken will die Zustände dokumentieren zu wollen.

Dass teilweise entsprechende Auswirkungen auf die Gesundheit nicht ausbleiben, muss ich jetzt vermutlich nicht extra betonen. Ich spreche diesbezüglich oft von “Russian Roulette”, denn selbst bei teueren Restaurants (=5Eur/ Essen aufwärts) kann man sich hier nicht unbedingt sicher sein. Mittlerweile hat sich mein Magen aber zum Glück ganz gut auf alles eingestellt.

Unter anderem viele Reiseführer raten in solchen Ländern ja immer davon ab rohes Obst und Gemüse oder irgend etwas zu essen, das mit Eis oder Wasser zubereitet sein könnte. Wie auch damals in Südost-Asien gibt es aber auch hier “Fruchtsaft”-Stände, die Lassi und gemixte Früchte mit Wasser, Eis und viel zu viel Zucker für umgerechnet ungefähr 20 Cent anbieten. Ich hoffe die genannten Empfehlungen gelten mehr für Touristen, die nur eine kürzere Zeit in einem Land bleiben. Ich möchte mich nämlich gerade bei so einem langen Aufenthalt so gut es geht daran gewöhnen und alles probieren können, was ich probieren will.

Apropos Zucker: Indische Süßigkeiten, Tee und eben unter anderem auch die “Fruchtsäfte” sind für unsere Verhältnisse so unglaublich süß. Vielleicht war Zucker historisch gesehen ein Luxusgut und ist deshalb so beliebt. Ich jedenfalls bestelle jeden “fruit juice” mit “less sugar” oder sogar “no sugar”.

Apropos Tee: Die Inder haben ganz offensichtlich die Teekultur der Engländer übernommen und angepasst. Offiziell ist es hier verboten auf der Straße zu rauchen oder Alkohol zu trinken, aber es gibt an jeder Ecke einen Tee-Stand. Ein sozialer Treffpunkt bei denen sich die Männer auf einen Schwarztee mit Milch (Tee = Chai, gesprochen “Tschai”. 13cent) treffen und teilweise auch verbotenerweise rauchen. Die für mich präferierte indische Teevariationen “Ginger-“ und “Masala Chai” gibt es leider nicht überall. Witziger Weise gibt es in den “Bäckereien” hier Torten, die sogar ziemlich lecker aussehen (unter anderem auch Schwarzwälder Kirsch). Leider ist der Geschmack nicht gut. Das Blätterteig-Gebäck (z.B. “Veg Pav”, “Mushroom Pav”…) sind hingegen sehr lecker.

Weitaus gefährlicher als das Essen sind vermutlich die Moskitos in Verbindung mit dem tropischen Klima. Mittlerweile hatten schon einige der Internationals Degue-Fieber und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auch eine Blinddarm- und eine Knie-OP gab es bereits. Auch wenn die privaten teuren Krankenhäuser hier einen recht guten Standard haben, bereiten mir solchen ernsthaften Erkrankungen am meisten Sorgen. Alleine bei über 35 Grad Fieber zu bekommen, ist kein Spaß. Wie schon im letzten Blogeintrag erwähnt, sinkt in solch einem Fall die Akzeptanz für schlechte Organisation, fehlende Sauberkeit usw. erheblich.

Ich möchte hier jetzt insgesamt kein zu schwarzes Bild malen, aber es ist mir doch wichtig zu unterstreichen wie grundlegend unterschiedlich die Gegebenheiten sind. Das war/ist selbst vielen Austauschstudenten nicht bewusst. In der heutigen Zeit tendiert man glaube ich dazu solche Dinge zu unterschätzen, gerade wenn man von westlichen Standards verwöhnt ist. Ich möchte mich hierbei nicht ausschließen.

Am Anfang des Semesters war ich noch mit ein paar Studenten in den kühleren West-Ghats unterwegs (Gebirgskette auf der anderen Seite). Vor allem die An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mehr als nur aufregend. 19 Stunden in überfüllten, schlecht gefederten Bussen ohne Sitzplatz in den Tropen zu verbringen war eine Erfahrung, aber eine die ich nicht unbedingt wiederholen muss. Bemerkenswert ist wie freundlich bzw. neutral ich die Inder auf dieser Reise erlebt habe. Ich habe zum Beispiel ein paar Stunden im Gang eines öffentlichen Busses zwischen Gepäckstücken geschlafen und auf der ganzen Fahrt habe ich trotz Überfüllung keine negative Stimmung bemerken können. Abgesehen davon, dass ein Bus bei 80km/h in Deutschland nicht mit offenen Türen fahren dürfte, an denen Menschen sitzen, wäre die Stimmung bei uns sicherlich eine andere gewesen! Da wären wir wieder bei dem Thema “Normalität”.

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen, aber leider muss ich viel Arbeit für die Universität erledigen. Für mich ist das Maß an “Hausaufgaben”, Tests und Abgabeterminen ungewohnt hoch und obwohl ich nicht viele Kurse belege, kann ich leider nicht mehr wie die meisten anderen Internationals am Wochenende verreisen. Zum Glück habe ich zwischen und nach den beiden Semestern genug Zeit um Indien noch ausreichend zu erkunden. Einige weitere spannende Themen sind bereits vorgemerkt.

Liebe Grüße aus der klimatisieren Bibliothek. 🙂

 

 

Indien 1

Jetzt muss ich diesen Eintrag wirklich mal hochladen. Ich schreibe jetzt schon mehrere Tage immer mal wieder daran herum wenn ich gerade Zeit habe, aber jeden Tag erlebe ich wiederneue Dinge, habe neue Erkenntnisse, Anmerkungen und Gedanken. Ich habe mir jetzt schon ein paar Themen vorgemerkt. Damit fülle ich dann mal Einträge wenn es nicht so viel zu erzählen gibt ;D

Erst einmal vorweg: Ja, es geht mir soweit gut und ich habe mich auch schon ein wenig eingewöhnen können.

Die Anreise hat eigentlich reibungslos geklappt und obwohl mein Flug doch einige Verspätung hatte, wartete entgegen meiner Befürchtungen doch ein Fahrer direkt am Flughafen auf mich um mich direkt zu meinem Wohnheim zu bringen. Gleich auf dieser ersten Fahrt habe ich viele Parallelen zu den von mir bereits erlebten Umständen in Südost-Asien erkennen können: Der chaotische Verkehr, das tropische Klima, die Architektur, die Müllsituation, die Stromverkabelung an Masten… Und doch ist Indien natürlich auch ein stückweit anders. Wodurch genau anders kann ich nach den wenigen Tagen allerdings noch nicht greifbar formulieren.

Direkt bei der Ankunft am Wohnheim hat mich auch schon ein indischer Student erwartet, der mir gleich mein kleines Zimmer zeigte. Die Grundausstattung des Zimmers (Matratze, Besen, Eimer…) wurde auch bereits angeschafft. Am IIT Madras gibt es eine Gruppe Studenten, die sich um die internationalen Studenten kümmert, für Rückfragen zur Verfügung steht, Ausflüge organisiert usw. und so wurde mir gleich nach dem Auspacken und ein bisschen nachgeholtem Schlaf die für mich wichtigsten Gebäude auf dem Campus gezeigt.

Dazu ist zu sagen, dass das IITM (Indian Institute of Technology Madras) am Rande eines kleinen Nationalparks mitten in Chennai liegt und eigentlich eine eigene kleine Stadt in sich ist. Alle Studenten sowie Professoren und mitarbeiter leben direkt auf dem mit Mauern eingegrenzten Campus und dort gibt es auch Mensen, Restaurants, Sportanlagen, einen Laden, eine Schule etc. Alles ist bewaldet mit teilweise riesigen Bäumen und man sieht dort täglich die dort lebenden Tiere wie Affen, Rehe, Springböcke und Schmetterlinge. Trotz der Bewaldung sind die Temperaturen immer noch ziemlich hoch und wegen der zusätzlich langen Laufwege zwischen den einzelnen Gebäuden ist hier ein eigenes Fahrrad enorm wichtig.

Gerade in den ersten Tagen (in denen man normalerweise noch kein eigenes Fahrrad besitzt) muss man aber enorm viel laufen, da man sich, anders als in Deutschland, bei jeder Institution einzeln mit größtenteils den gleichen Informationen persönlich anmelden muss. Alles ist enorm Bürokratisch. Man benötigt eine Bestätigung hier, eine unterschriebene Kopie da, lange Formulare, die Unterschrift des Abteilungsleiters, viele Stempel… Manche Büros hätte ich wirklich nur zu gerne fotografiert, denn die Aktenberge und Arbeitsabläufe dort sind teilweise einfach unglaublich (EDIT: vielleicht kann ich ein Bild hochladen). Wenn man dann bei dem mehrtägigen! Registrierungsvorgang auch noch Mitarbeiter nicht antrifft oder wegen angeblicher Überlastung auf einen späteren Termin vertröstet wird, bedarf es schon sehr starker Nerven um nicht die Fassung zu verlieren. Generell bekommt man hier auch immer wieder unterschiedliche (Falsch-)Informationen, sodass man auch Angaben von offiziellen Einrichtungen generell anzweifeln muss. Obwohl man hier teilweise auf Termine nach mehreren Tagen vertröstet wird, sollte man trotzdem die Anlaufstellen immer wieder aufsuchen und nachfragen. Sonst kommt man hier zu nichts. Interessanterweise bin ich aber bis jetzt wirklich erstaunlich entspannt und ausgeglichen. Auch wenn ich mir versuche einzureden das von mir seit kurzem praktizierte Yoga Nidra (Tiefenentspannungs Yoga) sei die Begründung, so ist es durchaus wahrscheinlicher die Erklärung hierfür in meinen früheren (Solo-)Reisen zu finden, bei denen ich bereits Ähnliches erlebt habe. Ganz prinzipiell muss man sich einfach auf alle Umstände einlassen und unvermeidlichen Komplikationen gelassen entgegensehen.

EDIT: Heute fühle ich mich das erste mal ein bisschen schwach und ausgelaugt und das drückt zugegebenermaßen jetzt doch auf die Stimmung. Ich habe gerade zum ungelogen bestimmt 10. mal meine generellen Informationen (Name, Visanr., Passnr., Einreisedatum uvm.) in ein Formular eintragen müssen und jetzt bin ich wirklich genervt! Teilweise waren die Formulare sogar für die ein und die selbe Organisation! Wer überlegt sich denn bitte einen solchen Wahnsinn. Ich fange mal lieber überhaupt nicht an darüber nachzudenken wie einfach man das alles automatisieren könnte, sonst gehe ich noch an die Decke.

Neben meinen anfänglichen Schwierigkeiten an Bargeld zu kommen (Automaten auf dem Campus oft leer, Kreditkarte wurde wegen vermutetem Betrugsversuch vorsorglich gesperrt) ist nach wie vor die Hitze zusammen mit der Luftfeuchte, wie bereits befürchtet, mein größtes Problem. Gerade die Nächte mit lautem Ventilator und Moskitos zehren an meinen Kräften. Krank zu werden, besonders bei diesem Klima, bereitet mir am meisten Sorgen, was leider wegen der Hygienesituation und den Moskitos hier nicht ganz unwahrscheinlich ist. Die Trinkbecher in der Mensa beispielsweise sind oft seit unbestimmter Zeit bei über 35Grad nass mit Spülwasser, das an sich schon nicht zum trinken geeignet wäre. Auch die meisten Getränke werden mit Wasser aus riesigen Trinkwassertonnen zubereitet, die vermutlich wenn überhaupt oft nur zu selten oder unzureichend gereinigt werden. Oft kann man die Küchen und somit auch die Hygienesituation einsehen (hierzu lieber vorerst keine näheren Erläuterungen). Ich versuche gerade am Anfang einfach vorsichtig zu sein. Leider muss man sich anstrengen um viele in Deutschland sicheren Gewohnheiten zu durchbrechen, zum Beispiel wenn man nach einem langen Tag Zähne putzt und rein intuitiv das Wasser aus dem Wasserhahn benutzen will.

Generell fällt mir auf, dass viele Abläufe hier komplizierter für mich sind. Klar, in einer neuen Umgebung braucht man immer ein wenig Zeit um eine gewissen Routine zu erlangen, aber gewisse Dinge sind einfach unnötig nervig. Die Zimmertüren des Wohnheimes sind etwa mit Vorhängeschlössern versehen, bei denen man eigentlich sogar den Schlüssel benötigt um das Schloss zu schließen. Glücklicherweise habe ich Vorhängeschlösser mitgebracht (der indische Schließmechanismus sieht mir ohnehin etwas simpel aus). Wenn man dann bei einem Gang ins Bad noch etwas vergessen hat, z.b. das eigene Klopapier ( in Asien benutzt man üblicherweise eine Handdusche und im Gemeinschaftsbad kann man nichts zurücklassen), und dann zum zehnten mal die Verriegelung seines Zimmers wieder aufschließen muss, empfinde ich das schon für ein wenig anstrengend.

Als besonders aufwändig empfinde ich es aber immer genügend zu trinken. Um nicht zu dehydrieren muss man hier mehr oder minder permanent trinken und dafür natürlich auch ständig genügend trinkbares Wasser griffbereit halten. Manche Trinkwasserspender sind mir aber einfach nicht geheuer (sichere Trinkwasseraufbereitung in einem kleinen dreckigen Metallkasten bei 35Grad?!) und möchte ich auch nicht ständig Wasserflaschen kaufen (bei über 5l am Tag würde innerhalb eines Jahre enorm viel Müll entstehen). Das bedeutet aber folglich, dass ich jede Gelegenheit meine Wasserflasche aufzufüllen nutzen muss.

Das Essen hier ist ziemlich gut, natürlich sehr günstig (am günstigsten: 3x Essen in der Mesa 1,30Eur) und bis jetzt erstaunlich wenig scharf. Zwischen den Internationals (die meisten reise gerade erst an) und den einheimischen Studenten herrscht ein angenehmes Klima und ich durfte auch schon einige nette Kontakte knüpfen.

Ich habe mich zum Beispiel mit drei weiteren ausländischen Studenten, die mit dem Registrierungsprozess schon recht weit fortgeschritten waren, dazu entschlossen die Zeit vor dem eigentlichen Semesterbeginn für eine Reise nach Madurai zu nutzen. Die Reise mit dem klimatisierten Reisebus war deutlich angenehmer als der Aufenthalt in dem sehr einfachen “Homestay”, aber wenigstens war unsere Gastgeberin nett und die Erfahrung äußerst authentisch. In Madurai gab es neben dem normalen indischen Wahnsinn vor allem das Ghandi Museum und den großen hinduistischen “Menakshi Amman” Tempelkomplex zu sehen. Das Ghandi Museum gab einen recht schönen, gerade in der Anfangszeit des Auslandsstudiums hilfreichen, Überblick über die neuere Geschichte Indiens und im Tempel hat mich besonders der Tempelelefant beeindruckt. Gut gegessen haben wir natürlich auch und ich konnte einige meiner bisherigen Reiseerfahrungen (und Kenntnisse der indischen/asiatischen Gegebenheiten) weitergeben. Leider ist einer der Studenten erkrankt und wir sind alle etwas früher als geplant zurückgekehrt. Trotzdem war es ein schöner erster Wochenendausflug.

In den nächsten Tagen möchte ich jetzt die Registrierung abschließen, den mir zugeteilten Professor treffen um meine Kurswahl zu besprechen, eine Gitarre kaufen, mein neues indisches Bankkonto aktivieren und die Bremsen meines Fahrrades festziehen. Vielleicht ist sogar noch etwas Zeit für einen Ausflug am Wochenende bevor dann das Semester beginnt.

Bis bald

 

Peaks of the Balkan

Nach einer gemeinsamen Reise durch Osteuropa mit Leon und Julian (3 Wochen, Mazedonien, Bulgarien, Serbien) begab ich mich in den Kosovo, um dort den “Peaks of the Balkan”-Trek durch Kosovo, Montenegro und Albanien zu gehen.

Die Etappen nach dem Rother Wanderführer waren täglich ungefähr 20km lang mit einigen hundert Höhenmetern. Nach 8 solchen Tagen ohne Ruhetag bekam ich dann doch Knieschmerzen und musste einen Gang zurückschalten.

Toll an der Region ist, dass Wildcampen nicht verboten ist. Trotzdem fiel mir gerade am ersten Abend das Einschlafen nicht leicht. Es gibt dort nämlich eine kleine Population an Bären und Wölfen und folglich schreckte ich bei jeden Knacken wieder auf. Als Vorsichtsmaßnahme sollte man sein gesamten Essen weit von seinem Lager hoch an einen Baum hängen, nicht direkt am Schlafplatz kochen und auch beim Wandern relativ laut sein um einen Bären nicht zu überraschen. Dies und die geringen Preise (ca. 20Eur Vollpension) ließen mich dann doch hin und wieder die komfortableren von Bergbauern geführten Homestays in Anspruch zu nehmen.

Im Laufe der Tour habe ich eine geführte Wandergruppe von netten englischen Senioren und ein belgisches Wissenschaftlerpärchen getroffen, mit denen ich jeweils ein Stück des Rundweges gegangen bin. Alleine kann man zwar in seinem eigenen Tempo laufen, aber da man auf solch einer Wanderung sehr viel sieht und erlebt, fehlt einem sehr schnell jemand mit dem man die Eindrücke teilen kann. Der albanische Guide der oben genannten Gruppe führte mich dann doch tatsächlich weg von meinem eigentlichen Pfad (hatte ihn mehrfach gefragt ob die Routen wirklich übereinstimmen) und so konnte ich den Rundweg leider nicht ganz vollenden.

Nach nun schon mehreren mehrtägigen Solowanderungen kann ich sagen, dass mir dort aber vor allem die Entscheidungsfindung alleine schwer fällt. Im Alltag ist das eigentlich kein großes Problem, da es klare Ziele und Aufgaben gibt. Beim Wandern allerdings sind viele Entscheidungen, die zu treffen sind, eher nebensächlich und nicht eindeutig “richtig” zu entscheiden (“wann mache ich eine Pause?”, “soll ich noch nach einem anderen Zeltplatz suchen”, “in welchem der Homestays möchte ich übernachten?“…). Das hierbei entstehende Ringen um Argumente mit sich selbst empfinde ich als auf Dauer anstrengend. Mit mehreren Leuten bestände dieses Problem nicht oder zumindest weniger. Leider ist es gar nicht so einfach einen kompatiblen Wanderpartner zu finden, der zur gleichen Zeit in ähnlichem Tempo eine solche Wanderung mit ähnlichen Beweggründen absolvieren möchte. Ich jedenfalls bin noch auf der Suche, denn einerseits trifft man auf den meisten Wanderungen ja zum Glück auch immer nette Leute und andererseits laufe ich eben lieber alleine als noch ständig “Ärger” wegen der menschlichen Komponente zu bekommen. Gerade bei einer so schönen und wertvollen Tätigkeit wie dem Wandern in der Wildnis möchte ich mir das ersparen.

Neben der für die Höhenverhältnisse (unter 3000m) im Balkan beeindruckenden Kulisse, halte ich besonders die enorme Gastfreundschaft, die ich auf dem Weg erleben durfte, für erwähnenswert. Ich weiß nicht ob Mitleid beim Anblick eines einsamen jungen Wanderers eine Rolle gespielt hat, aber selbst wenn ist es beachtlich, dass mich zum Beispiel eine (besonders für unsere Verhältnisse) arme Bauernfamilie zu sich einlädt, mit mir gemeinsam isst, mir Unmengen Proviant mitgibt und am Ende noch nicht einmal Geld dafür annimmt. Ich hatte zum Glück schon von dieser edelmütigen Art gehört und daher Zigaretten als Dankeschön mitgebracht. Eine andere Bäuerin hatte mich mit Händen und Füßen (die Sprachbarriere war generell sehr groß!) trotz bereits aufgebautem Zelt bewegt zusätzlich zum vereinbarten Frühstück auch eine Schlafhütte in Anspruch zu nehmen. Wie aus anderen Ländern gewohnt, ging ich davon aus dass sie einfach noch ein wenig mehr Geld an mir verdienen wollte, doch als dann in der Nacht ein heftiges Gebirgsgewitter niederging und die Bäuerin am nächsten Morgen (selbst für das Frühstück) keine Bezahlung annehmen wollte, sah ich mich eines Besseren belehrt. Ich habe dann bei der Abreise “zufällig” einen Schein in der Schlafhütte platziert, um die lokale Agrikultur durch mein Schmarotzertum nicht vollständig auszutrocknen. 😀

Leider wandelt sich diese Art, wie an vielen Orten, auch hier durch den Tourismus immer mehr. Es ist schwierig mir hierüber eine fundierte Meinung zu bilden, denn einerseits möchte ich die Länder so ursprünglich wie möglich erleben, andererseits beeinflusse ich ja selbst durch meine Reisen die Bevölkerung und hinterlasse anderen Reisenden ein verändertes Land. Alles in allem ein wirklich komplexes Thema. Toll jedenfalls noch etwas so herzliches erlebt zu haben. Gerade dieser Aspekt der Wanderung wird mir in Erinnerung bleiben.

Ich schreibe diesen Blogeintrag gerade fast ein ganzes Jahr nach der Tour kurz vor meinem Aufenthalt in Indien und so hoffe ich dieser tollen Region und dem Weg mit diesen wenigen Zeilen gerecht zu werden. Sollten Fragen offen geblieben sein, kontaktiert mich gerne.

 

GTA

Eigentlich hatte ich für nach meinem Abitur ja eine Pilgerreise (eigentlich mehr eine Weitwanderung auf der “Via Francigena”) nach Rom und eine vorangestellte Alpenüberquerung geplant. Leider machte mir ein harter Winter in den Alpen (2013/14) mit, wie mir berichtet wurde, teilweise 9m Schnee im Tal einen Strich durch die Rechnung und ich musste meine Wanderung nach 6 Tagen/Etappen abbrechen. Doch selbst diese wenigen Tage empfand ich als sehr schön und prägend:

Nach langer Planung und der 3 monatigen Asienreise mit Leon und Julian (um den Winter zu überbrücken) machte ich mich Mitte Juni 2014 alleine auf den Weg nach Airolo, CH (am Gotthard), um dort mit dem Rother Wanderfürer die “Grande Traversata delle Alpi” (GTA) zu gehen. Dieser Weitwanderweg (laut dem Wanderführer 65 Tagesetappen) überschneidet sich größtenteils mit dem blauen Abschnitt des “Via Alpina”-Wegenetzes in den Alpen. Strenggenommen handelt es sich hierbei nicht um eine Alpenüberquerung (Dauer nur ca. 5 Tage), sondern um eine Wanderung innerhalb des Alpenkammes von Tal zu Tal. Für mehr Informationen zum Weg: GTA , Via Alpina Wegenetz

Dies sollte eigentlich meine erste mehrtägige Solowanderung werden und so war ich ganz schön verblüfft als nach wenigen Metern auf dem Nufenenpass (=im Nirgendwo) hinter mir auf der Straße ein Auto hielt und einen Wanderer rausließ. Zu diesem Zeitpunkt war mein Ziel eigentlich das alleine Laufen in der Natur, um in mich zu kehren und bewusst in der Natur unterwegs zu sein. Ich fand es deshalb in diesem Moment etwas mehr als nur kurios, dass auf wenige Sekunden genau zwei Wanderer die erste Etappe der GTA beginnen wollten. Rückblickend (diese Wanderung ist nun ziemlich genau 3 Jahre her) weiß ich wie wertvoll ein Wanderpartner sein kann, besonders wenn es sich wie bei Hanno um einen so interessanten, vielgereisten und netten Wanderer handelt. Ich lies mich aber auf ein Gespräch ein (zugegebenermaßen wäre alles andere auch sehr unhöflich gewesen) und erfuhr in den nächsten Tagen einiges über Hanno, seine Reisen und seinen generellen Lebensweg. Nach einer gewissen Zeit teilte ich dann Hanno jedoch mit ein Stück alleine gehen zu wollen und ich setzte mich an der nächsten Tagesetappe durch einen frühen Start (meistens schon bei Sonnenaufgang um 5) ab.

Alleine war ich dann in gewissen Weise auf jeden Fall bewusster unterwegs, hatte aber logischerweise niemanden mit dem ich das Erlebte teilen konnte. Besonders die Begegnungen mit Tieren (Gemsen und Murmeltieren) und die enorm abwechslungsreiche Natur haben sich mir eingeprägt. Durch die unterschiedlichen geographischen Gegebenheiten war der Charakter und die Vegation eines jeden Tals anders und mit den Bergeeen, Bächen, Wäldern, Wiesen und Geröllfeldern waren die Etappen unheimlich vielseitig. Verpflegt habe ich mich jeden Tag in einer Berghütte (Rifugio), einem Hof (Agriturismo) oder einem Dorf mit einem warmen Essen versorgt und dort dann auch Käse und Brot als Proviant mitgenommen. Als Frühstück gab es meistens auf dem ersten erreichten Pass Müsli mit Milchpulver und Quellwasser (s. Bild unten). Die Menüs für Wanderer (um die 15Eur) bestanden typisch italienisch aus 3 Gängen und das Essen unterwegs generell hat , wie man sich sicher vorstellen kann, bei der ganzen Bewegung fantastisch geschmeckt. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen dass der Weg bereits am ersten Tag nach Italien führte und somit viele Alpenbewohner nur Italienisch sprachen.

Gerade wenn ich an meinen aktuellen “schreibtischlastigen” Studentenalltag denke, fällt mir auf wie beflügelnd es war nach ein paar Tagen Eingewöhnung jeden Tag bis zu 8h zu wandern. Als ich meinen eigenen Rythmus gefunden hatte (“flow”), waren selbst die steilsten Anstiege zu den Pässen kein Problem mehr und ich fühlte mich fit und vital. Auch Muskelkater hatte ich dann erstaunlicherweise keinen mehr.

Es ist übrigens Erstaunlich wo überall Menschen in den Alpen Almen gebaut haben. An den abgelegensten Orten bin ich teilweise auf Hütten gestoßen, die mühsam aber akurat aus den Steinen der Umgebung aufgebaut waren und die von einem auf das nächste Jahr von den Schneemassen im Winter eingerissen werden. Das hat mir aufgezeigt wie wertvoll Weidefläche früher in den Bergen für die Hirten war. Die absolute Mehrheit an Almen fand ich aber verlassen vor. Verständlich bei dem strapaziösen Leben dort oben.

Doch selbst bis Mitte Juni hatte es die eigentlich schon starke Sonne des Sommers nicht geschafft die meterdicke Schneedecke auf den Pässen zu schmelzen und deshalb ging ich jeden Tag mindestens 1 Stunde (je nach Lage des Passes) über Schneefelder. Man muss sich vorstellen, dass der angetaute Schnee jede Nacht durch das hochalpine Klima wieder friert und sich so ein teilweise von Schmelzwasserbächen unterspülter glatter Eispanzer bildet. Außerdem waren dadurch natürlich Weg wie Markierungen verdeckt. Nimmt man dann noch das generell launische hochalpine Wetter hinzu, bekommt man vermutlich ein ganz gutes Bild von den Gefahren, denen ich mich täglich als unerfahrener einsamer Wanderer ausgesetzt sah.

Ab einem gewissen Punkt habe ich dann dieses Risiko als für mich zu hoch bewertet und habe die Tour abgebrochen. Ich bin auch jetzt noch der Meinung mich richtig entschieden zu haben.

Wie ich im Nachinein erfuhr, hat übrigens auch Hanno nur einen Tag nach mir die Tour abgebrochen, da er auf einem Pass im Schnee alleine in starken Nebel geraten war und umkehren musste. Auch wenn mir das vorher bereits bewusst war, so habe ich doch während der Tour erfahren, dass neben Erfahrung und gutem Equipment eben auch Begleitung von nöten ist, um das Risiko in der Wildnis (besonders im Hochgebirge) zumindest zu minimieren. Auf dem Weg habe ich viel Erfahrung sammeln können und Faszination wie Motivation für weitere Wanderungen erhalten.

 

Thailand

Bevor ich meine ersten Eindrücke aus Thailand schildere, möchte ich noch einmal auf Julians Blog: http://juhudownunder.wordpress.com/ hinweisen, denn er hat manche Aspekte unserer Reise sicherlich etwas anders beleuchtet.

Mit dem Nachtzug kamen wir mit einiger Verspätung in Surat Thani an und fanden mitten in der Nacht noch eine Bleibe in einem sehr günstigen aber sauberen “Hotel” (7,90EUR für ein Doppelzimmer) in dessen Straße wir einen sehr interessanten Nachtmarkt erspähten, auf dem wir uns gleich noch ein paar Stunden um die Ohren schlugen. Uns fiel gleich auf, dass die Menschen hier, obwohl Surat Thani der Fährhafen zu den berühmten Inseln Koh Phangan, Koh Samui und Koh Tao ist, sehr schlecht Englisch sprechen.

Bevor wir Leon auf Koh Tao treffen wollten, entschieden Julian und ich mich dazu noch in den Thai Romyen Nationalpark zu gehen. Wir fragten uns zum passenden Bus durch und stellten fest, dass dieser ins Nirgendwo fuhr, wo wir uns zum Glück mit einem Polizisten verständigen konnten. Die Polizisten ließen es sich nicht nehmen uns persönlich für vergleichsweise viel Geld zum Park zu fahren und dort uns ein wenig mit dem Parkpersonal als Attraktion zu feiern. Generell nutzen hier die Leute oft jede Gelegenheit aus sich ihren Alltag etwas aufzulockern. Am selben Tag konnten wir nur noch unsere Zelte aufstellen und erstaunt feststellen, dass wir nicht die einzigen Farangs (“Westler”) im Park waren, nachdem bei Einbruch der Dunkelheit ein sonnenverbrannter, bleicher, sehr touristisch gekleideter Russe aus dem Regenwald gelaufen kam. Es stellte sich heraus, dass Ramon, ein Mikrobiologie und Hobby-Ameisenfreak, nur zum Ameisenköniginnen sammeln nach Thailand gekommen ist und wie es der Zufall wollte, fand ich gleich in den ersten Minuten unserer Bekanntschaft (und später erneut) eine große grüne Flussameisenkönigin nach der Ramon die ganze Zeit verzweifelt gesucht hatte. Am Abend verließen die Angestellten des Nationalparks um 5 Uhr den Park ohne uns bescheid zu geben und deswegen mussten wir uns unsere restlichen Snacks teilen, wozu Ramon sicherlich auch ohne meinen Fund bereit gewesen wäre. Am nächsten Tag wanderten wir auf dem einzigen verfügbaren Pfad an einem Bach an 8 Wasserfällen in den Dschungel hinauf. Es war durch das Klima sehr erschöpfend und ich hatte mir bis zum letzten Wasserfall 4 Blutegel eingefangen, aber das erfrischende Bad unter den 90m hohen Fällen entlohnte gebührend. Allerdings war das wie gesagt der einzige begehbare Pfad und so ist es fraglich ob sich der Parkbesuch gelohnt hat. Wenn überhaupt dann durch die lehrreichen und witzigen Stunden mit Ramon.

Der durchwachsene Eindruck, den wir von Surat Thani hatten, wurde weiter verschlechtert, als wir zu Leon fahren wollten und zusätzlich zum hohen Ticketpreis für die Fähre noch eigentlich inklusive Leistungen übernehmen sollten, aber wir blieben hartnäckig und schafften es heil zu Leon. Koh Tao ist eine sehr touristische, aber doch teilweise noch schöne Insel und durch die extrem günstige Preise hatte ich mich entschieden hier einen Tauchkurs zu machen. Nachdem ich von diesem einen so begeistert war und Leon noch auf der Insel bleiben wollte, habe ich meinen “Advanced Open Water Diver” gleich hinterher gemacht. Das heißt einfach, dass ich jetzt bis zu 30m tief tauchen darf. Die Bedingungen waren toll und im Preis war die Unterkunft schon inbegriffen und so konnten Leon und Julian kostenlos bei mir im Zimmer bleiben. Leider habe ich mir eingebildet selbst Fotos von all den tollen Dingen Unterwasser machen zu müssen. Das hat meine Kamera leider nicht überlebt. Entschuldigt daher, dass es von allem Folgenden weniger und vor allem schlechtere Bilder gibt. Insgesamt bin ich jetzt schon 9mal getaucht: 2x auf 12m, 2x auf 18m, 1x auf 30m, 1x in der Nacht, 1x an einem Wrack und 2x im Zweierteam. Gesehen habe ich Dinge wie Clownfische (Nemo), Stachelrochen, Kugelfische, eine 2m langen Barrakuda, große Schwärme von Fischen, Triggerfische, Bannerfische, Korallen und Seeanemonen… Es war eine tolle Erfahrung.

Während unserer Zeit auf der Insel haben die Thais ihr Neujahr gefeiert und die Feierlichkeiten rund um das sog. “Songkran” oder “Wasserfest” waren sehr heiter und positiv. Auf den touristischen Inseln wird sowieso jeden Abend gefeiert, aber an Songkran war der ganze Tag eine Party und die Leute tanzten bei 30 Grad in der prallen Sonne. Das lässt sich erstaunlich gut aushalten, denn durch den permanenten Einsatz von Wasserpistole und Eimer trocknet man an diesem Tag nie.

Am nächsten Tag fuhren wir etwas verkatert und müde ohne Gepäck auf Koh Phangan, um auf die berühmt berüchtigte Full Moon Party zu gehen. Mittlerweile kommen zu jedem Vollmond tausende Feierwütige (Westler und Einheimische) auf die Insel und haben an einem Strand mächtig Spaß und tanzen zu überwiegend elektronischer Musik. Früher gab es hin und wieder Tote und viele Schlägereine, Diebstähle usw., aber mittlerweile gibt es am besagten Strand eine eigene Polizei- und Krankenstation und es gibt kaum noch Zwischenfälle. Generell war auch hier die Stimmung trotz des billigen Alkohols sehr friedlich und positiv und wir hatten bis ins Morgengrauen eine sehr gute Zeit ohne größere Zwischenfälle.

Bei all dem Spaß den ich auch hatte, wurde es mir in manchen Momenten klar wie abstrus doch diese Backpacker-/Feierkultur der heutigen Zeit sein kann:
An einem fremden Strand als Europäer in einem fremden Land, in einer fremden Kultur zu stehen und was auch immer zu feiern, oft auch als Selbstzweck. Müll, das Nebenprodukt der eigenen (guten?) Launen, liegt am Strand. Vor dem Mond am Himmel zieht ein Gewitter auf. Eigentlich herrscht bei allen zumindest ein Halbwissen, aber genau wie die globalen Probleme wird auch das sich nähernde Gewitter belächelt, verdrängt, ausgeblendet, überspielt und klein geredet. Nebenan fließt das Abwasser der Touristenzentren ins Meer in dem man schwimmt, schnorchelt und taucht und trotzdem wird weiter zum Takt in den weichen, weißen Sand gestampft, Nacht für Nacht. Ich erlebe zwar, unter anderem durch das Internet, mit, dass sich der Probleme immer mehr Menschen bewusst werden, aber ich befürchte dass die breite Mehrheit der Menschen durch ihre Konsum-, – und Glücksucht zu benebelt ist, um in ihrer Gesamtheit schnell genug den Fels zu sehen, auf den wir momentan so rasant zusteuern, um dann die Ruder noch rechtzeitig herumreißen zu können. Am meisten betrübt mich, dass man selbst in meiner Generation, die diese Probleme ja am meisten tangieren wird, oft noch als “Öko” oder “Schwarzmaler” belächelt wird, wenn man auf diese Zustände hinweist oder sich viele Gedanken darüber macht.

Obwohl ich mir vieler Missstände bewusst bin, bin ich natürlich auch in gewisser Weise ein Sklave des Systems und treffe allzu oft immer noch halbherzige Entscheidungen, aber ich habe mir vorgenommen meine Talente dazu einzusetzen die Umstände zu verbessern und trotzdem mein Leben weiterhin ein bisschen zu genießen.

Wir verließen die Inseln Richtung Bangkok und legten gleich einen Zwischenstopp am Fährhafen Chumpon ein. Chumpon ist eine typische thailändische Kleinstadt ohne viele Touristen oder Attraktionen, aber wir fanden ein Doppelzimmer für 6EUR die Nacht und da Julian und ich, vermutlich durch die vielen Schnakenstiche, uns eine Art Grippe mit Kreislaufschwierigkeiten und Fieber eingefangen hatten, blieben wir länger als es die Stadt eigentlich verdient hätte. Auch in Thailand spielt sich essenstechnisch viel auf der Straße ab. Es gibt viele mobile Essens- und Getränkestände, die teilweise fest an Fahrräder oder Roller montiert sind. Die Getränkestände haben eine riesige Eistruhe und einen Behälter mit kochendem Wasser, mit dem die Verkäufer Tee und Kaffee brühen oder Kakao zubereiten können. In kleinen Gläschen wird der Kakao mit Wasser und Zucker angerührt oder Tee mit Zucker und frisch gepresstem Limettensaft vermischt und anschließend wird das ganze in einen riesigen Becher voll Eis gegossen. Eine solche Eisschokolade oder ein Eistee kostet 50 Cent und ihr könnt euch vorstellen, dass ich mir das ganze nicht nur einmal am Tag gegönnt habe (es war zusätzlich nämlich auch noch unverschämt lecker). Außerdem haben wir in Chumpon einen eigenen “Som Tam”-Stand gefunden. Som Tam ist ein Papayasalad und am ehesten mit deutschem Krautsalat zu vergleichen. Aus der gewünschten Anzahl an Chilies (bei mir 1-2, bei Einheimischen gerne auch 5-10!), Palmzucker, Fischsauce für die Würze, Erdnüssen, getrockneten Shrimps, Knoblauchzehen und Limettensaft wird im Mörser ein Dressing hergestellt in welchem dann Streifen der unreifen Papaya und Mango und Tomaten gegeben werden. Süß, Sauer, Salzig, Scharf ist hier perfekt im Einklang und ich werde es demnächst mit Kohl und Karotten nachkochen.

Um nach Bangkok zu kommen, kauften wir uns für 1,20EUR ein Zugticket nach Hua Hin und nach 5 Stunden Fahrt und einem Mittagessen fuhren wir mit dem Bus nach Bangkok. Nach langem Suchen fanden wir erneut ein Doppelzimmer für 7EUR, was in für Bangkok schon sehr günstig ist. Für die Jungs war Chinatown schon ein eindrucksvoller Einstieg am ersten Tag: Nachdem wir von einem, wie gewohnt, exzellent Englisch sprechenden Taxifahrer zum “Sheraton” anstatt nach “Chinatown” gefahren wurden, gelangten wir in den Autoteilbezirk Chinatowns. Man muss sich vorstellen, das jede Straße in Chinatown meist nur eine Warenart verkauft. Es gibt also eine Seilstraße, eine Schraubenstraße, eine FlipFlop/Plastikstraße, eine Apothekenstraße usw. Durch die geringe Breite herrscht in den meisten Gassen ein reges Treiben und wenn der Warennachschub in der Menschenmenge mit antiken, überladenen Rollern gewährleistet wird, entsteht wie so oft in Bangkok eine höchst angenehm riechende und sicherlich auch gesunde Luftmischung. Trotzdem finde ich Chinatown ein vielseitiges Highlight Bangkoks das man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Am Abend zogen wir ins Apartment der in Bangkok studierenden Amerikaner, die wir in Indonesien getroffen hatten. Sie waren super nett zu uns und zeigten uns gleich die besten Straßenstände und Bars in der Umgebung. Durch die ganzen Studenten in der Gegend gab es eine reges Nachtleben und wir kamen am ersten Abend gleich gut ins Gespräch mit unseren Gastgebern und deren thailändischen Freunden. Die folgenden Tage in Bangkok sollten unerträglich heiß werden und deswegen sind wir für die Klimaanlage in den Apartments der Amerikaner sehr dankbar. Am nächsten Tag versuchte ich vergeblich in Little India Gewürze zu kaufen aber der nächtliche Blumenmarkt war die lange Taxifahrt in die Stadt mehr als wert! In Bangkok gibt es noch so viele verschieden und meist riesige Märkte mit den unterschiedlichsten Dingen. Gerade bei den Mengen an Blumen, die sich ja bei den dortigen Temperaturen nicht lange halte, fragt man sich ob überhaupt alles verkauft werden kann. Zum Glück ist es im Buddhismus Brauch vieles mit Blumenkränzen zu schmücken oder generell Blumen zu opfern. An den anderen Tagen waren wir dann noch auf dem größten Lebensmittelmarkt Bangkoks, in den riesigen und verwestlichten Kaufhäusern, auf dem Golden Mount, einem buddhistischen Heiligtum mit gutem Blick über die Stadt und dem riesigen Chatuchak Wochenendmarkt mit Haustier-Abteilung. Als Dank haben wir den Amerikanern dann vor unserer Abreise mit den begrenzten Mitteln Kartoffelpuffer gekocht. Da es so billig ist dort essen zu gehen, hatte nur eines der vielen von Amerikanern bewohnten Apartments eine sehr spärlich eingerichtete Kochnische und ohne Reibe brauchte ich 1 geschlagene Stunde um alleine die 2kg Kartoffeln in feine Streifen zu schneiden. Obwohl ich natürlich lieber etwas für die deutsche Küche Aussagekräftigeres und Repräsentativeres gekocht hätte, hat es allen geschmeckt und mehr konnte ich einfach mit den begrenzten Mitteln nicht zustandebringen. Bangkok war zusammenfassend gesagt ein eindrucksvoller und gelungener Abschluss meiner Asienreise und so bin ich mir noch etwas mehr Erfahrungen und aber durch all den Gestank, Dreck und Lärm auch mit mehr Vorfreude in den Flieger nach Deutschland gestiegen.

Gesalzenes Rindfleisch im Flieger, die kühle Luft, die mich empfangende Familie und das Leberwurstbrot auf der Heimfahrt waren für mich die Beweise, dass ich doch in Deutschland oder zumindest aber doch in diesem Kulturkreis zu Hause bin und weiterhin sein möchte.

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Im Nachhinein kommt mir vieles so surreal, wie im Film vor, als wäre ich gar nicht dort gewesen. Die tausenden Bilder sind eigentlich Beweis genug, aber diese ganzen Ereignisse wirken dennoch so unglaublich.

Wie denke ich durchgeklungen ist, war diese Reise für mich kulturell, kulinarisch und zwischenmenschlich eine echte Bereicherung und trotz der vielen Unterschiede gibt mir der Kontakt mit den anderen Backpackern eine gewisse Zuversicht hinsichtlich der heutigen Probleme, da man doch merkt, dass auch viele aus anderen Ländern die eigenen Sorgen teilen. Ich würde generell jedem empfehlen zu reisen (damit meine ich nicht einen “all inclusive”-Urlaub auf Mallorca), aber je nach Typ, Vorlieben und finanzieller Ausstattung sollte man gezielt auswählen welche Länder man sehen will. In fast allen Fällen wird man bereichert zurückkommen.

Momentan erfreue ich mich sehr an dem saftigen Grün unseres Frühlings und dessen milden Temperaturen. Asien hat mich auch so richtig angespornt jetzt endlich loszulaufen und deswegen freue ich mich schon tierisch auf meine Pilgerschaft. Leider liegen momentan noch immer 1-2m Schnee und so werde ich wohl noch etwas ausharren müssen und Italienisch lernen. Auf bald!

 

Malaysien & Singapur

Die letzten Tage waren voller Eindrücke und Ereignisse und aus diesem Grund fand ich bis jetzt nicht die Zeit weiter an meinem Blog zu schreiben. Das macht es natürlich jetzt nicht einfacher, da sich alles anstaut und jetzt trotzdem nicht vergessen werden will.

Vor dem Abflug nach Kuala Lumpur, Malaysia hatten wir 3 auf der internationalen Onlineplattform “Couchsurfing” zum Glück einen Host gefunden, der uns freundlicher Weise für die 4 Tage, die wir dort bleiben sollten, kostenlos bei sich zu Hause aufnehmen wollte. (googelt einfach “couchsurfing” wenn ihr nicht wisst wie dieses tolle System funktioniert) Er, ein afrikanisch stämmiger, junger Ex-Profifußballspieler holte uns von einer größeren Trainstation ab und brachte uns in seine Wohnung in einer “Closed Community” (umzäunte und bewachte Wohnsiedlungsform, normalerweise bewohnt von der Oberschicht). Die Wohnungen unseres Hosts, Fally und seiner afrikanischen Freunde erinnerten uns sehr an das Videospiel GTA und es war zeitweise sehr schräg und ungewohnt für uns. Schon nach ca. 10min in unserem eigenen Raum mit Doppelbett (mittlerweile sind wir es gewohnt uns ein Doppelbett zu teilen) gab uns Fally einen Schlüssel zu seiner Wohnung, da er etwas zu erledigen hatte. Nach den ersten Stadterkundungen Kuala Lumpurs kristallisierte sich am nächsten Tag dann langsam heraus, dass er den Schlüssel gerne wiederhätte, da es sein einziger Schlüssel war. Wir waren natürlich davon ausgegangen, dass er uns einen Zweitschlüssel gegeben hatte. Generell verbrachten wir mehr Zeit in seiner Wohnung als er und genossen während unseres Aufenthalts oft seinen riesigen Fernseher mit PayTV, Jafflemaker und Kühlschrank, da es uns in Kuala Lumpur nicht gefiel und es eine Tortur war von der außerhalb gelegenen Wohnanlage in die Stadt zu kommen. In Malaysia wohnen, nicht wie in Indonesien, sehr viele Inder und Chinesen und deshalb gibt es in den etwas größeren Städten, meist sogar historische, Chinatowns und Little Indias. Diese und die Petronastowers waren die einzigen Dinge, die uns an KL gefielen, wobei es Little Indias und Chinatowns eben auch in den anderen Städten gibt. Abgesehen von der tollen, komplett anderen Atmosphäre und vielen anderen Nebeneffekten, profitiert man natürlich auch kulinarisch von den Einwanderern und so kamen wir hier das erste Mal in Kontakt mit dem exzellent guten indischen Essen, von dem wir uns in den nächsten Wochen größtenteils ernähren sollten. Die indische Küche verwendet sehr viele Gewürze und, nicht wie Indonesisch, Chinesisch oder Malaysisch, auch viel Salz und das kommt dem deutschen Gaumen doch, besonders nach einer Reise durch diese Länder, sehr entgegen. Auch toll ist, dass die indischen Restaurants fast immer ein Buffet haben aus dem man sich die best aussehenden Speisen als Beilage zu einem der indischen Brotsorten auswählen kann, zu denen eh immer schon mehrere, sehr unterschiedliche Soßen gereicht werden. Da Julian und ich uns alle Speisen teilen um einfach mehr probieren zu können, kommt so bei einer indischen Mahlzeit eine Vielzahl an Geschmacksrichtungen und Texturen zusammen. Einfach herrlich.

Es ist noch zu erwähnen, dass der extrem großzügige Fally uns an einem Abend auf eine Party in einem exklusiven Hochhausclub mit Sicht auf die Petronastowers mitnahm, in dem, wie sich herausstellen sollte, an diesem Tag das pakistanische o.ä. Neujahr gefeiert wurde. Im voraus hatte Fally uns auf Nachfrage noch versichert, dass unsere Backpackerkleidung völlig ausreichend wäre und bei unserer Ankunft mit den ganzen Schwarzen hatten wir in unseren dreckigen Singlets als Weiße unter den ganzen in Anzug gekleideten Arabern dann natürlich das Aufsehen. Insgesamt waren wir wie die Special Guests des Abends, denn wir durften mit wenigen anderen in einer Art VIP-Area, in der wir auch kostenlos dort sehr teuren westlichen Alkohol trinken konnten. Es war ein sehr sehr witziger, ungewöhnlicher und stranger Abend, bei dem wir aus Sicherheitsgründen (Angst vor Diebstahl) keinen Foto präsent haben konnten (gerade wegen eines freakigen Afrikaners mit Afro, Gehstock, Sonnenbrille im Club und Silberanzug mit Schlaghose, wie aus den 70ern, bedauern wir das sehr!)

Weil Julians Tante in Singapur wohnt, es sich im Reiseführer gut las und wir wohl nicht mehr so schnell in die Gegend kommen, entschieden sich Julian und ich dafür doch noch einmal einen Abstecher in den Süden nach Singapur zu machen (unser eigentliches Ziel ist ja Bangkok im Norden). Leon wollte aus verschiedenen Gründen nicht mit und deshalb nahmen Julian und ich alleine einen sehr komfortablen und billigen Bus. Hier haben die Reisebusse meist nur 3 Sitze nebeneinander und diese sind viel bequemer als aus D gewohnt. Es war definitiv die richtige Entscheidung! Ganz ungewohnt für uns Europäer war es, dass wir beim Überqueren der Grenze zwei Mal den Bus verlassen mussten, einmal sogar mit Gepäck für eine Sicherheitskontrolle wie im Flughafen.

Julians Tante nahm uns sehr freundlich auf, gab uns viele wertvolle Tipps, spendierte uns die eine oder andere Sache, machte unseren Aufenthalt länger und angenehmer und sparte uns nicht zu letzt wirklich eine Menge Geld (Singapur ist generell sehr teuer). Vielen Dank dafür! Von ihrer Wohnung aus machten wir Abstecher in den Botanischen Garten, den Orchideengarten, einen großen chinesisch-buddistischen Tempel, Chinatown, Little India, zum Merlion und in den Zoo.

Der Zoo war informativ und mir gefiel, dass er versucht das Umweltbewusstsein seiner Besucher zu schärfen (was in Asien auch wirklich bitter nötig ist), aber der zentrale Aspekt unseres Singapuraufenthalts war definitiv das multinationale Essen. In Asien gibt es generell schon viele Streetfoodstände (engl. “Hawkerstalls”) und manchmal sogenannte “Foodcourts”, aber in Singapur nimmt das ganze noch ganz andere Dimensionen an: Überall in der Stadt sind riesige Hallen nur einem einzigen Zweck gewidmet, dem “Leiblichen Wohl”, wie man in Deutschland so schön zu sagen pflegt. Dort sind den einzelnen Essens- und Getränkeständen einzelne Parzellen mit Strom- und (Ab-)Wasser usw. zugeteilt und zwischen zwei Reihen sind Tische und Stühle installiert. Das bedeutet, dass man sich von den verschiedenen für Singapur sehr günstigen Ständen aus dem jeweils spezialisierten Angebot nach Lust und Laune etwas mitnimmt und es dann an den Tischen verspeisen kann. Das Essensangebot der unterschiedlichen Foodcourts spiegelt in etwa die Einwohnerherkunft der umliegenden Wohngebiete wieder, d.h. in Little India zum Beispiel gibt es größtenteils Indisch. Popiah (eine Art unfrittierte, kalte Frühlingsrolle mit eingelegtem Ingwer, Erdnüssen, gerösteten Zwiebeln…), Tee Tarik/Massala (indische Gewürztees, ähnlich dem Chai) , Lemon Ice Tea (an den Ständen selbstgemacht) , Oyster Cake (superleckeres, kleines Küchlein mit saftiger Fleisch- und Meeresfrüchtefüllung), Fishhead Curry, genialen indischen Spinat (toll gewürzt und mit supermildem Schafskäse), verschiedenste Naanvarianten (indischer, im Lehmofen gebackener Weißmehlfladen mit Butter, Knoblauch Rosinen…), Chinesische Dumplings (“Pau” gedämpfte, herzhaft gefüllte Germknödel) waren nur einige der Dinge die wir dort probiert haben. Da wir die Erfahrung gemacht haben, dass man, nachdem man ein verlockendes Angebot ausgeschlagen hat, fast nie wieder ein ähnliches findet, sind wir auch im Bezug auf Essen in letzter Zeit dazu über gegangen alles was uns ins Auge springt sofort zu probieren, auch wenn das bedeutet, dass wir permanent ge-/übersättigt sind.

Ich entschied mich auch dazu etwas Geld in einen Kochkurs zu investieren, weil mir das in Thailand schon sehr viel gebracht hat. Da uns für 90Eur allerdings “nur” 5 unspektakuläre Gerichte vorgekocht wurden war es diesmal nicht ganz so hilfreich, aber dennoch eine schöne Erfahrung. Mehr wird mir wahrscheinlich das Singapurkochbuch helfen, das ich mir hier noch gekauft habe.

Leon war in der Zwischenzeit relativ schnell nach Thailand gefahren, aber Julian und ich waren davon überzeugt, dass Kuala Lumpur noch nicht das wahre Malaysia gewesen sein kann und wir dem Land nach dieser enttäuschenden Metropole gerne noch eine Chance geben würden. Wie sich herausgestellt hat wieder die richtige Entscheidung. Wir sahen also am letzten Abend in Singapur vor dem Schlafengehen den Lonely Planet nach möglichen, sehenswerten Zwischenstopps durch und stießen auf Melaka. Durch ein kaputtes Thermostat unserer Klimaanlage in Singapur hatte ich mir eine Erkältung!!! (Außentemperatur jeden Tag über 32 Grad) geholt und im sehr stark heruntergekühlten Bus war ausgerechnet das Ventil über uns kaputt. Wie bei einem sehr kalten Glas im deutschen Sommer kondensierte die Luftfeuchtigkeit an den Scheiben des Busses. Es war schrecklich (kalt) und wir mussten uns alles anziehen was wir griffbereit hatten:

Melakas Allstadt ist, aus für uns nicht ganz offensichtlichen Gründen, Unesco Weltkulturerbe, hat portugiesische und englische Einflüsse, besteht eigentlich nur aus Little India und Chinatown und hat schon einen gewissen Charme. Wir genossen hier gleich in der Nacht unserer Ankunft auf dem Nachtmarkt die lokalen Spezialitäten. Ansonsten ließen wir uns einfach immer durch die Innenstadt treiben und machten nicht nur einmal in unfassbar günstigen indischen Restaurants Halt. Unser tägliches Frühstück, bestehend aus 2 indischen Broten mit verschieden Soßen (Massalas, Dahl, Curries…) und Massala oder Ice Tee, kostete uns lässige 2Eur und auch sonst war unser Stopp dort wieder ein kulinarischer. Besonders mein erstes echtes Tandoori Chicken (im Lehmofen gegrilltes, saftiges, in einer Joghurt-Gewürzmarinade eingelegtes Hähnchen) hat es mir angetan, aber seht selbst:

Wir entschieden uns etwas von Malaysias Natur sehen zu wollen und fuhren in die Cameron Highlands, eine kühle, fruchtbare und landwirtschaftlich genutzte Hochhebende die durch das Klima und die Landschaft leider auch touristisch nicht unbekannt ist. Hier war es zwar angenehm kühl, aber nachdem wir indisch gegessen, die Teeplantagen gesehen hatten und vergeblich nach Wanderwegen durch den Dschungel gesucht haben (mit offizieller Karte!) hielt uns hier nichts mehr.

Unser nächster Stopp war Georgetown auf Penang, eine schöne, mit Melaka vergleichbare Unesco Weltkulturstadt. Neben Streetart und toll gemachten Installationen aus Metall, die die Geschichte der Allstadt humorvoll illustrieren, gibt es hier, wer hätte er gedacht, vor allem kulinarische Höhepunkte zu erleben. Obwohl wir nicht ganz verstehen können wieso Lonely Planet Georgetown als die “Food City 2014” auserkoren hat, hatten wir hier unsere erste Begegnung mit Starfruitjuice, Minzlassi, Samosas und Butterchicken Massala und das werden wir Penang sicherlich nicht vergessen. Richtig gereifte Sternfrüchte entsaftet mit etwas Zucker ergeben einen floralen, fast rosigen Nektar des Himmels und schafft man es die Säure des Joghurts mit etwas Orange auszugleichen und versetzt dies mit Minze entsteht ein herrlich erfrischender Minzlassi. Auch wenn mit warmem Kartoffelmassala gefüllte, frittierte Teigtaschen schon sehr lecker sind, reichen sie doch nicht annähernd an ein Butterchicken Massala heran. So wie ich mir das im Kopf rekonstruiere ist dieses Gericht “einfach” Tandoori Chicken in einem sehr guten Massala mit viiiiel Butter, ein Geschenk des Himmels. Hoffentlich ist es nicht viel schwieriger zu kochen, denn ich möchte nicht nur einmal erneut in den Genuss dieses überirdischen Geschmackes kommen.

Ihr merkt indisches Essen hat es mir (Julian auch) wirklich angetan und ich möchte unbedingt lernen, wie ich während meines Studiums nicht auf diese herrliche Küche verzichten muss.

Jetzt sitze ich gerade mit meinem neunen MacBook und zwei interessanten Nordamerikanern im Overnight-Zug nach Surat Thani, Thailand und schreibe diesen Blogeintrag. Der Schlafwagen ist ungewohnt aber komfortabel und die Gespräche hier waren sehr nett. Ich habe mich in letzter Minute dazu entschlossen in Malaysia ein neues MacBook zu kaufen, weil ich für das anstehende Studium einen Laptop brauche und hier Apple Produkte nur drei Viertel des deutschen Preises kosten. Bis ich allerdings wirklich auch das Modell in den Händen hielt, das ich wollte, musste ich in 3 verschiedenen Städten in 7 Malls gehen. Solange es mir jetzt nicht geklaut wird, werden Blogeinträge wohl nun bequemer für mich zu schreiben sein. Jetzt freue ich mich schon riesig auf Würzburg und meine anstehende Rompilgerschaft. Liebe Grüße